Thomas, der Saunagott

Thomas ist blond und sehr schmal. Meine Mutter hätte gesagt, dass er aussähe wie ein Notkonfirmand. So bezeichnete man in früheren Jahren die jungen Männer, die ein bisschen schwächlich geraten war und bei denen man befürchtete, dass sie das Konfirmationsalter nicht mehr erreichen würde. Deswegen erhielten sie den kirchlichen Segen früher als ihre gesünder wirkenden Altersgenossen.

Auch Thomas erweckt diesen Eindruck. Jedoch weit gefehlt: Wer ihn einmal in Aktion erlebt hat, weiß, dass dieser junge Mann nicht nur überlebensfähig, sondern auch in der Lage ist, andere mit einem nassen Handtuch zu erschlagen.

Thomas ist Saunameister in meiner Stammsauna. Dort gibt es stündliche Aufgüsse. Beim ersten Aufeinandertreffen konnte ich ihn beobachten, wie er den Weg zur Aufgusssauna zurücklegte; gemäßigten Schrittes, eher verhalten, unter einem Arm den Aufgusseimer, mit dem anderen klemmte er einen übergroßen Fächer fest, über der Schulter lagen lässig zwei Handtücher.

Er öffnete die Tür und trat ein. Ich dachte „Das kann ja nichts werden!“ und teilte das dem neben mir sitzenden Ehemann mit. Der ist manchmal potentialorientiert und antwortete: „Gib ihm eine Chance.“

Thomas, von dem ich erst ein paar Minuten später erfahren sollte, dass er so hieß, legte alle Utensilien bis auf den Eimer ab und schritt dann – immer noch gemäßigt – mit diesem in der Hand zu einer der Außenduschen, um dort Wasser zu holen. Die Tür ließ er auf, und ich hatte etwas Sorge, dass ich gleich frieren statt ordentlich schwitzen würde.

Dann kehrte er zurück, stellte den Eimer wieder ab, stellte sich in bequemer Grundhaltung und mit verschränkten Armen auf und erklärte: „Hallo, ich bin Thomas. Als Duft habe ich Orange mitgebracht. Ich werde dreimal aufgießen. Wenn es Euch zu warm wird, könnt Ihr eine Bank tiefer Platz nehmen. Ihr könnt aber auch die Sauna verlassen.“ Den letzten Satz sagte er mit einem gewissen Unterton, der implizierte, dass er den Betreffenden dann für ein Weichei halten würde. sauna-2886483__340

Unmittelbar nach seiner kleinen Ansprache entfaltete er das erste Tuch und wedelte frische Luft von außen herein. Dies tat er, indem er das Handtuch über seinem Kopf schwang, einmal deutlich schnelleren Schrittes um den Ofen herumging und dabei ein bisschen wirkte wie ein angriffslustiger Wellensittich.

Die erste Runde war gemäßigt. Ich begann zu schwitzen, aber das war auch gut so, weil mir durch die viele frische Luft doch etwas kühl geworden war. Thomas wedelte durchaus engagiert über seinem Kopf, tänzelte dabei wieder einmal um den Ofen herum, legte das Handtuch beiseite und nahm den Fächer. Hapüh. Ich bekam eine Vorstellung, wie sich Runde zwei und drei gestalten könnten.

Zu Beginn der dritten Runde hatten sich einige Besucher eine Bank tiefer gesetzt und andere in Kauf genommen, als Weicheier angesehen zu werden und die Sauna verlassen. Als er jetzt das Handtuch schwang, wirkte Thomas überhaupt nicht mehr wie ein schwächlicher Notkonfirmand und noch viel weniger wie ein Wellensittich – nein, der junge Mann zeigte echte Raubvogelqualitäten! Er stürzte mit vorgerecktem Kopf und erhobenen Armen auf seine Opfer zu, bedachte sie mit einem heftigen Wedler und ging weiter zum Nächsten. Allgemeines Gestöhne.

Ich nahm alle im Vorfeld gedachten despektierlichen Gedanken zurück und schwitzte still und heftig vor mich hin. sweating-2403982__340Der Ehemann kommentierte Thomas‘ Wedelperformance mit einem anerkennenden Nicken.

„Gutes Nachschwitzen!“ wünschte dieser und entschwand. Ihm folgten wie weiland die kleinen Nager dem Rattenfänger von Hameln die meisten der Saunabesucher.

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